Georg Koser

Text: Dr. Heidi Fogel, Historikerin
Georg Koser ist kein Neu-Isenburger Urgestein. Er wird am 14. Januar 1875 in Nieder-Roden geboren und lebt dort bis zu seinem 39. Lebensjahr. Als gelernter Metallarbeiter schließt er sich 1896 im Alter von 21 Jahren der Gewerkschaft an. 1898 gehört er zu den Gründern des SPD-Ortsvereins Nieder-Roden, dem er ab 1902 vorsteht.1

1913 verläßt Georg Koser seine Heimatstadt und zieht mit seiner Frau und fünf Kindern nach Neu-Isenburg. Nach den Erinnerungen seines Sohnes Jean ist die Familie im katholischen Nieder-Roden massiv drangsaliert worden.2 In der hierarchisch gegliederten und obrigkeitshörigen Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs gelten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler vielen als Aufrührer und Vaterlandsverräter. Auch zwei Jahrzehnte nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes (1878 - 1890) sind sie noch immer Repressionen ausgeliefert. Georg Koser und seine Familie leiden unter Denunziationen und Verleumdungen. Kosers Arbeitgeber erhalten Briefe, die sie vor dem „roten“ Arbeiter warnen. Als Folge wird Georg Koser mehrfach entlassen, obwohl niemand seine Qualifikation als Facharbeiter in Frage stellt. Kosers Kinder werden in der Schule von Lehrern und Mitschülern benachteiligt und schikaniert.

Georg Koser sucht Schutz in der starken Neu-Isenburger Arbeiterbewegung. Der örtliche Metallarbeiter-Verband ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten und wichtigsten Einzelgewerkschaften in der Stadt. Außerdem zieht es Koser in die Nähe der Großstadt Frankfurt, weil dort das Angebot an Arbeitsplätzen vergleichsweise groß ist. In Neu-Isenburg erringt der engagierte und wortgewandte Mann rasch das Vertrauen der organisierten Arbeiterschaft. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wird er am 12. November 1918 in den Neu-Isenburger Arbeiter- und Soldatenrat (Volksrat) gewählt.3 Der Umbruch zur Demokratie in Neu-Isenburg verläuft friedlich. Der Arbeiter- und Soldatenrat übernimmt bis zur Wahl des Gemeinderats im Sommer 1919 die Verantwortung für die dringliche Versorgung der Bevölkerung und für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung.

Im Gründungsjahr der Weimarer Republik wird Georg Koser zum Vorsitzenden Neu-Isenburger SPD gewählt. Von 1919 bis 1933 ist er Mitglied des Gemeinderats und Abgeordneter des Provinzialtags.

Am 6. März 1933, einen Tag nach der Reichstagswahl, die der Koalition um Adolf Hitler die Regierungsmehrheit bringt, wird Georg Koser zusammen mit anderen führenden Neu-Isenburger Sozialdemokraten und Kommunisten verhaftet. SA-Angehörige, die eigens aus Langen geholt worden sind, mißhandeln die Gefangenen im Keller der Rosenauschule und halten einige der Geschundenen - unter ihnen Georg Koser - dort 10 Tage lang fest. Danach wird Koser unter Polizeiaufsicht gestellt. Er gibt jedoch den politischen Kampf für die Demokratie und die Arbeiterbewegung nicht auf. So beteiligt er sich an einer Widerstandsgruppe um Dr. Wilhelm Weinreich, der u.a. auch die Neu-Isenburger Ärzte Dr. Ulrich Boelsen und Dr. Hans Hayn, der spätere Stadtverordnetenvorsteher, angehören. Die Gruppe beherbergt durchreisende Kuriere, hilft Verfolgten und versteckt geflohene Kriegsgefangene. Sie bildet einen Stützpunkt im Netz sozialdemokratisch-sozialistischer Gruppen im Deutschen Reich, deren Aktivitäten von der "Union Deutscher Sozialistischer Organisationen" in Großbritannien koordiniert werden.4

Nach dem Attentat des Generals Stauffenberg auf Hitler am 20. Juli 1944 wird Georg Koser im Alter von fast 70 Jahren erneut verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Körperlich schwer gezeichnet, aber in seinem Kampfeswillen ungebrochen, kehrt er nach Neu-Isenburg zurück. Nach Kriegsende stellt die Neu-Isenburger SPD den verdienten Mann wieder an ihre Spitze, sobald die amerikanische Militärregierung die Bildung von Parteien auf lokaler Ebene 1945 zuläßt. 1947 ernennen ihn die Sozialdemokraten zu ihrem Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit. Georg Koser hat, wie die anderen Mitglieder aus der Widerstandsgruppe um Wilhelm Weinreich, entscheidenden Anteil an der politischen Reorganisation Neu-Isenburgs nach Kriegsende. Er ist Mitglied im Bürgerausschuß - der provisorischen, von den amerikanischen Behörden eingesetzten Stadtverwaltung.5

Bei den ersten Kommunalwahlen nach dem Zweiten Weltkrieg am 27.1.1946 erreicht die SPD 12 von 18 Sitzen im Stadtparlament. Einer der gewählten Sozialdemokraten ist der inzwischen 71jährige Georg Koser. Er übt das Amt des Stadtverordneten bis zu seinem Tod im April 1950 aus und ist außerdem Mitglied des Offenbacher Kreistages.

Sein lebenslanges Engagement in der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege und der Fürsorge bringt Georg Koser nicht nur den Ehrenvorsitz in der Arbeiterwohlfahrt ein, sondern auch die Ehrenbezeichnung „Armenanwalt aus Neu-Isenburg“.

Fußnoten:
[1] Zu Georg Kosers Lebensweg vgl., sofern nicht anders vermerkt: Die Weichen sind gestellt Neu-Isenburg und seine SPD, hrsg. vom Vorstand des SPD-Ortsvereins, o.J., S. 25ff sowie den Nachruf im Neu-Isenburger Anzeigeblatt: Georg Kosers letzte Fahrt, Neu-Isenburger Anzeigeblatt, 25.4.190

[2] abgedruckt in: Die Weichen sind gestellt, S. 45f

[3] Neu-Isenburger Anzeigeblatt, 16.11.1918

[4] Dieter Rebentisch/Angelika Raab: Neu-Isenburg zwischen Anpassung und Widerstand. Dokumente über Lebensbedingungen und politisches Verhalten 1933 - 1945, Neu-Isenburg 1978, S. 203ff und S. 225ff

[5] Vgl. die Protokolle der Sitzungen, Stadtarchiv Neu-Isenburg, 001-12 sowie 001-35

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