Gustav Jakob Freitag

Text: Dr. Heidi Fogel, Historikerin
Gustav Jakob Freitag wird am 25. Juli 1873 in Kassel geboren. In Neu-Isenburg tritt er erstmals 1896, also mit 23 Jahren, als Gewerkschaftler in Erscheinung. Damals wählen ihn die Neu-Isenburger Wäscherinnen zum Vorsitzenden ihrer Gewerkschaft, des „Allgemeinen Frauen- und Mädchenvereins“. Ein Jahr später organisiert dieser vordergründig unpolitische Verein einen der ersten Arbeiterinnenstreiks in Deutschland. Die Wäscherinnen und Büglerinnen kämpfen im Frühjahr 1897 erfolgreich um die Reduzierung ihrer bis zu 16stündigen Arbeitszeit und um die Erhöhung ihres kargen Lohns.1

Bei einem Streik der Schreiner im Frühjahr 1902 gehört der gelernte Tischler Gustav Freitag ebenfalls zu den Streikführern. Die Holzarbeiter-Gewerkschaft, 1882 als „Fachverein der Schreinergesellen“ gegründet, war die älteste gewerkschaftliche Organisation in Neu-Isenburg. Bis in die Weimarer Republik hinein ist sie die aktivste Einzelgewerkschaft und Vorreiter für manche Lohnverhandlungen in anderen Branchen. 1899 gehören dem Holzarbeiter-Verband 316 von insgesamt 396 Schreinern in der Stadt an.2 Der Ausstand der Schreiner wird mit harten Bandagen auch zwischen den Streikenden und den Arbeitswilligen geführt. Kurz nach Ende des Arbeitskampfes, am 28.5.1902, steht Gustav Freitag wegen Nötigung vor Gericht. Laut Anklage soll er einem Schreiner Prügel angedroht haben. Dieser hatte nach vierwöchigem Streik wieder gearbeitet, weil ihm das Streikgeld nicht zum Lebensunterhalt reichte. Gustav Jakob Freitag wird für seine Drohung hart bestraft und muß ins Gefängnis.3 Als Folge davon verliert er anscheinend eine Stellung im Staatsdienst4 und übernimmt daraufhin als Gastwirt den „Schweizer Hof“ in der Neu-Isenburger Waldstraße. Die Gastwirtschaft wird zu einem Stammlokal der Neu-Isenburger Arbeiterbewegung. SPD, Gewerkschaften und die Vereine der Arbeiterschaft halten dort ihre Versammlungen ab oder treffen in ihrer Freizeit Gleichgesinnte.

Gustav Freitag wirkt in verschiedenen lokalen Organisationen mit, die der Arbeiterbewegung nahestehen. Er ist aktiver Turner in der Freien Turnerschaft und Mitglied im Arbeitergesangverein „Union“.5 Als passives Mitglied unterstützt er die Freiwillige Feuerwehr Neu-Isenburg. Außerdem gehört er zu den Gründern der Freireligiösen Gemeinde Neu-Isenburg, die am 20.11.1906 ins Leben gerufen wird.6

Im November 1918 tritt Gustav Freitag - zunächst unentgeltlich - in den Dienst der Stadt, um beim demokratischen Aufbau der Verwaltung mitzuhelfen.7 Am 28. Februar 1919 wird er auf Vorschlag des Arbeiter- und Soldatenrats (Volksrats) für ein halbes Jahr als Hilfskraft des Bürgermeisters Jakob Pons angestellt. Freitag ist in dieser Stellung u.a. für die Beschaffung von Lebensmitteln zuständig, in der großen Not der Nachkriegszeit eine schwere und belastende Aufgabe. Nach Ablauf seines zeitlich befristeten Arbeitsvertrags wird er zum Dezernenten für die Wohnungs- und die Erwerbslosenfürsorge bestellt.

Gustav Freitag ist im 1919 gewählten Gemeinderat Fraktionsmitglied der SPD. Im Juli 1919 wird er zum Beigeordneten der Stadt Neu-Isenburg gewählt und damit zum Stellvertreter des neuen sozialdemokratischen Bürgermeisters Louis Benkert. Freitag erhält bei der Abstimmung 1375 von 1376 gültigen Stimmen (ungültige Stimmen: 77). Als Beigeordneter setzt er sich weiterhin engagiert für die Interessen der Arbeiterschaft und die sozial Bedürftigen ein. Er tritt vor allem als ein engagierter Verfechter und Förderer des sozialen Wohnungsbaus hervor.

Am 22. Januar 1922 stirbt Gustav Jakob Freitag an den Folgen eines Unfalls. Mit der Familie trauert die gesamte Arbeiterbewegung in der Stadt. Heute jedoch erinnern sich nur noch wenige an den engagierten Kämpfer in der frühen Neu-Isenburger Arbeiterbewegung.


Fußnoten:

[1] Zu Gustav Jakob Freitags persönlichen Daten und seiner Rolle im Neu-Isenburger Wäscherinnenstreik vgl. Heidi Fogel: Arbeiterinnen rebellieren. Neu-Isenburger Wäscherinnen im Ausstand, in: Heidi Fogel/Beatrice Ploch (Hrsg.): Der Wäscherinnenstreik 1897. Neu-Isenburger Arbeiterinnen begehren auf. Magistrat der Stadt Neu-Isenburg. Kultur- und Sportamt, 1997, S. 45 ff

[2] Neu-Isenburger Anzeigeblatt, Festausgabe zur 200-Jahr-Feier Neu-Isenburgs, 26.7.1899

[3] Offenbacher Zeitung, 29.5.1902

[4] Dies ist aus der hier abgedruckten Todesanzeige zu schließen.

[5] Vgl. diverse Todesanzeigen für Gustav Jakob Freitag, Neu-Isenburger Anzeigeblatt, 24.1.1922

[6] Stadtarchiv Neu-Isenburg, XII/2

[7] Stadtarchiv Neu-Isenburg, XV/2 (Unterlagen über die Beigeordnetenwahl 1919)

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